Der Text meiner Antrittsvorlesung von 1984 kann bei mir über dr.dirk.gerdes@web.de angefordert werden. Eine kurze Begründung dieser Anforderung ist erwünscht. Hier eine Leseprobe:
Dirk Gerdes
’Kollektive Identität’ - Zur neuerlichen Politisierung einer geschichtsphilosophischen Erbschaft
Antrittsvorlesung an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Heidelberg am 15.02.1984 in der Alten Aula
„Das Thema ‚Identität’ hat Identitätsschwierigkeiten: die gegenwärtig inflationäre Entwicklung seiner Diskussion bringt nicht nur Ergebnisse, sondern auch Verwirrungen. In wachsendem Maße gilt gerade bei der Identität: alles fließt. So werden die Konturen des Identitätsproblems unscharf; es entwickelt sich zur Problemwolke mit Nebelwirkung: Identitätsdiskussionen werden - mit erhöhtem Kollisionsrisiko - zum Blindflug.“ (O. Marquard 1979: 347)
Als Odo Marquard im September 1976 mit diesen Sätzen seine - wie er sich ausdrückte - „skeptische Einmann-Expedition ins wilde Land der Identität“ (a.a.0: 347) einleitete und dem achten Kolloquium der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ vorstellte, war sein Thema kaum über den Arkanbereich des Akademischen hinausgewachsen. Acht Jahre später, heute also, ist „Identität“ eine Vokabel alltäglicher Intellektualität. Dass damit die Identifizierung dessen, was mit „Identität“ gemeint ist, nicht leichter wird, ist eine Binsenweisheit. Einleuchtend ist aber auch, dass mit dem neuerlichen Überborden der Identitätsdiskussion in eine ausdrücklich politisch engagierte Publikationskonjunktur zumindest die Kollisionsrisiken konkreter zu bestimmen sind. Sie büßen ihre ästhetische Folgenlosigkeit ein, die Marquard ihnen, aufbauend auf Luhmann, seinerzeit noch bescheinigen konnte.
Der feinsinnigen Diskussionsrunde von „Poetik und Hermeneutik“ sind Wissenschaftler-Hearings des Ausschusses für innerdeutsche Beziehungen des deutschen Bundestages und eine Vielzahl von Tagungen politischer Stiftungen gefolgt. Die politisch-publizistische Diskussion identifiziert in der „Problemwolke“ ästhetisch-intellektueller Beschaulichkeit neue, konfligierende Orientierungsmarken für den - so Weidenfeld lakonisch - „politischen Machtkampf“ (Weidenfeld 1983: 31). Dies insbesondere durch die Zuspitzung des abstrakten Problems „kollektiver Identität“ auf die konkrete Auseinandersetzung um die Bestimmung von „nationaler“, gar „deutscher Identität“.
Realitätsvergessen mag es da anmuten, diese doch scheinbar scharfe Konturierung des Problems in der „Ortlosigkeit“ eines Begriffs von „kollektiver Identität“ wieder zu entgrenzen. Es wird jedoch zu zeigen sein, dass das Politikum „deutsche Identität“ erst in der Distanz eines relativierenden Nachdenkens über „kollektive Identität“ seinen Bekenntnischarakter verliert.
Distanz durch Abstraktion, wenngleich nicht durch Relativierung, ist schließlich auch vorgegeben durch die geschichtsphilosophische Erbschaft, die dem Begriff „kollektive Identität“ anhaftet. Odo Marquard hat diese Erbschaft - anscheinend etwas voreilig - mit den folgenden Worten charakterisiert:
„Unter den Grundvokabeln des Fundamentalvokabulars der sterbenden Geschichtsphilosophie der werdenden Identität gibt es - diesseits ihrer Konkretionen, Resignationen, Blamagen - mindestens einen prominenten Überlebenden: nämlich den Identitätsbegriff selber. Er wird zum großen Hinterbliebenen der Geschichtsphilosophie: nunmehr philosophisch heimatlos.“ (Marquard 1979: 361)
Voreilig ist diese Charakterisierung insofern, als ihre - um im Bild zu bleiben - gerontologische Illusionslosigkeit in den letzten Jahren durch dezidierte Versuche konterkariert wird, den sterbenden Erblasser geriatrisch am Leben zu erhalten. Ob dies nun untaugliche Versuche am untauglichen oder am tauglichen Objekt sind - diese Frage zu entscheiden, muss ich mangels Kompetenz den Philosophen überlassen.
Ich maße mir nicht an, die souveräne Attitüde, mit der z.B. Dieter Henrich in seinem monographischen Problemaufriss die philosophische Identitätsdiskussion gegen die sozialwissenschaftliche „Allerweltsaufklärung“ (Henrich 1979: 135) absetzt, aus politologischer Sicht replizieren zu können. Auffällig ist allerdings, dass die gerade an den Rändern der etablierten Politikwissenschaft intensiv forcierte Identitätsdiskussion sich kaum noch dazu hergibt, Fragestellungen und Ergebnisse beispielsweise der political-culture-Forschung in ihre Überlegungen aufzunehmen. Hier ist man als „Allerwelts“-Politologe gezwungen, in aller Bescheidenheit zumindest den Versuch eines grenzüberschreitenden Nachfragens zu machen.
Fragen zu formulieren, Skepsis anzumelden, Inkonsistenzen aufzuzeigen - das ist die kritische Absicht der folgenden Aufarbeitung von philosophisch inspirierten und zugleich an politischer Wirksamkeit interessierten Beiträgen zum Problem „kollektiver Identität“. Kritik beinhaltet aber zuallererst auch die Nachzeichnung der kritisierten Argumentation. Diese Notwendigkeit beschränkt mich hier auf die exemplarische Auseinandersetzung mit drei Autoren, jeweils ergänzt durch knappe weiterführende Hinweise. Die entsprechenden Abschnitte meines Vortrags sind wie folgt überschrieben:
Nationale Identität und „kategorischer Imperativ“
Nationale Identität als Fluchtpunkt „konkreter Lageanalyse“
Kollektive Identität zwischen „Lebenswelt“ und „System“
Die Darstellung gilt konkurrierenden Perspektiven, nicht der Entfaltung eines vorweg definierten Eigenverständnisses von „kollektiver Identität“. Gleichwohl wird ein Fazit zu formulieren sein, das auch die Perspektive der Kritik deutlich macht.
(………….Seite 9:)
Die theoretisch begründete Notwendigkeit, am Konzept der Identität festzuhalten, findet angesichts dieses Befundes einen Rückhalt nur noch in der Deutung der empirischen Phänomene des gesellschaftlichen Wertewandels und des subkulturellen Wachstums basisorientierter „Widerstands- und Rückzugsbewegungen“ (Habermas 1981, Bd. 2: 582): „Identitätsbildung“ scheint entsprechend nur noch als „kontinuierlicher Lernprozess“ (Habermas 1974:66) denkbar zu sein.
„Kollektive Identität“ wird so zur revisionsfähigen Hervorbringung kommunikativen Handelns: strukturiert und diszipliniert allenfalls durch das vernünftig Allgemeine grammatischer Rede, eingefangen und zugleich gefährdet in der Besonderung subkultureller Lebenswelten, getragen schließlich von subjektiven Strategien einer Befreiung aus der Enge funktionalistischer Vernunft.
Deutlich erkennbar ist, dass Habermas bei aller Entschlossenheit, geschichtsphilosophischen Ballast abzuwerfen (vgl. Habermas 1981, Bd. 2: 562), an der Vorstellung eines historisch ausgewiesenen kommunikativen Rationalitätsniveaus festhält, das sich der beliebigen Relativierung entzieht. Dem steht jedoch eine eigentümliche Ambivalenz in der Beurteilung empirischer Entdifferenzierungsvorgänge in Kultur, Politik und Wirtschaft (vgl. Habermas 1979:35) gegenüber, die auf die faktischen Grenzen sowohl einer nur scheinbar klaren Unterscheidung zwischen regressiven und emanzipatorischen Prozessen als auch eines entinstitutionalisierten Begriffs von „kollektiver Identität“ aufmerksam macht.
An diese Ambivalenz müsste eine eigenständige politikwissenschaftliche Reflexion über „kollektive Identität“ anknüpfen, die die geschichtsphilosophische Erbschaft des Identitätsbegriffs weder in Legitimation für die manipulative und repressive Durchsetzung von „Wahrheit“ (Willms), noch in kontingente Dezision über „substantielle“ historische Daten (Arndt) und ebenso wenig in das kontrafaktische Vertrauen auf die Rationalität kommunikativen Handelns (Habermas) auflöst. Die political-culture-Forschung hat hierfür bisher allenfalls Vorarbeiten geleistet und den mainstream scheinen diese Fragen erst gar nicht zu interessieren!
Ich fasse zusammen:
Die letzten 15 Jahre sind nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in allen westlichen Industriestaaten durch eine sprunghafte Zunahme anomischer Verhaltensphänomene gekennzeichnet. Der Begriff „Anomie“ setzt einen Begriff von „Normalität“ voraus, an dessen Prägung und Durchsetzung die gegenwartsbezogenen Sozialwissenschaften nicht nur deskriptiv, sondern auch - bewusst oder unbewusst - normierend beteiligt sind.
Wo anomische Phänomene nicht mehr als Pathologien marginalisiert werden können, sondern sich zu kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen auswachsen, verändert sich auch auf der abstrakten Ebenen sozialwissenschaftlicher Reflexion das Spektrum allseits anerkannter Normalitätsdefinitionen. Dies ist eine Chance für die Formulierung unkonventioneller, aber auch für die Sichtung und Revitalisierungsversuche sterbender Gesellschaftstheorien.
Der Rückgriff auf den Begriff „kollektive Identität“ ist eindeutig traditionsorientiert. Unterschiedlich sind die Kreativität und die Intensität, mit denen dieser Begriff an die Selbstdeutungen derjenigen zurückgekoppelt wird, die jeweils ein Kollektiv bilden, dem Identität zugesprochen wird.
Die drei referierten Positionen sind unter diesem Prüfkriterium eher durch das profiliert, was ihr Konzept aus der Analyse ausspart, als durch das, was sie zur Erklärung oder Deutung empirischer Verhaltensweisen beitragen.
Willms unterstellt voluntaristisch die Kontingenz einer historischen Entwicklung, die die Soziologie seit Max Weber im Begriff des „institutionalisierten Individualismus“ (Parsons; vgl. Schluchter 1980:12) abstrahiert hat. Sein Konstrukt von „kollektiver Identität“ setzt auf die reflexive Selbstnegation von Ich-Identität im Nationalbewusstsein. Ausgeblendet wird das Problem, wie der Staat als Nation zum Identifikationsobjekt einer säkularisierten Religiosität werden soll, wenn er sich in seiner alltäglichen Erfahrbarkeit längst in die Relativität kontingenter zweckrationaler Entscheidungsinterpretationen geflüchtet hat. Der zynische Intellektualismus, mit dem Willms für die Praxis auf die Manipulierbarkeit existentieller Handlungsorientierungen vertraut, findet seine Grenzen in der zunehmenden Konkretisierung bürokratisch-administrativer Rationalität. Eben diese Entwicklung hat aus dem Abstraktum diffuser Massenloyalität konkrete Legitimationsprobleme werden lassen. Der Identifikationswert „Großer Zapfenstreiche“ hilft hier bisher kaum weiter.
Arndts Suche nach einem substantiellen Identitätskern von „Kollektivsubjekten“ schließt von vornherein Fragen nach der Zusammensetzung, Willensbildung und institutionellen Verfasstheit historischer „Täter-Kollektive“ als sekundär aus. Von Interesse sind für den Lageanalytiker lediglich kontingente historische Konstellationen, in denen „Kollektivsubjekte“ auf die Probe ihrer Existenz gestellt werden und aus denen sie angeblich das Bewusstsein ihrer Existenz ableiten. Sloterdijk hat diesem Politikbegriff unter Hinweis auf Weimarer Erfahrungen eine - ich zitiere - „kalte Romantik der großen strategischen Blicke“ (Sloterdijk 1983, Bd. 2, 831) bescheinigt. Auch für die Revitalisierung einer lageanalytischen Perspektive trifft vorläufig noch zu, was er ergänzend konstatiert: „Daß zur selben Zeit Politik tendenziell immer mehr in Verwaltung überging, blieb den vom militärischen Muster geprägten Politikern weitgehend fremd.“ (A.a.O.: 831). Die Politikwissenschaft hat versucht, mit dieser Entwicklung kognitiv und analytisch Schritt zu halten. Nicht von ungefähr ist das Resultat eine kaum noch überschaubare Spezialisierung auf immer enger gefasste policy-Bereiche. Die kognitive Komplexität der darin eingefangenen Politik ist lageanalytisch kaum zu reduzieren, sie ist allenfalls zu negieren.
Von daher gewinnt Habermas’ Auslagerung des Problems „kollektiver Identität“ aus dem Bereich politisch-administrativen Entscheidungshandelns in den Bereich politischer Willensbildung an Plausibilität. Autonomisierte, von institutionalisierten Prägungen sich absetzende Identitätsprojektionen werden ihm zum Medium des Widerstands gegen die „Kolonialisierung der Lebenswelt“. Die Pointe liegt nun aber darin, dass sich gerade in den Bereichen, die Habermas als Anschauungsmaterial für sein Konzept dienen, keineswegs der unterstellte Modus rationaler Identitätskonstruktion eingestellt hat. Die Kontingenz permanenter Lernprozesse mündet nicht eben selten in eine hektische Suche nach verwertbaren Traditionalismen, selbst solchen religiösen Hintergrunds. Und es ist noch keineswegs ausgemacht, ob diese Suche nicht rudimentär schon zu völlig neuen Formen einer produktiven Aneignung scheinbar verschütteter Möglichkeitshorizonte von Geschichte führt.
Von einer produktiven Aneignung könnte allerdings erst dann gesprochen werden, wenn Identitätssuche nicht mehr auf die Ausblendung und einfache Negation ganzer Bereiche institutionalisierter Wirklichkeit fixiert bliebe. Möglichkeiten, diese Fixierung aufzubrechen, werden in keiner der drei referierten Perspektiven angedeutet. „Kollektive Identität“ wird zum Phantom einer Suche nach Ganzheiten, die dem Selbstlauf ökonomischer, technischer und politisch-administrativer Handlungsrationalität äußerlich bleibt.
Hier könnte sich nun ein Kreis schließen, in dem aus dem Nebeneinander der vorgestellten Perspektiven die Konturen des Nacheinanders einer denkbaren politischen Entwicklung aufscheinen - einer Entwicklung, die die Aporien der funktionalistischen Vernunft zynisch überspielt, ohne sie aufzuheben. Aber mir liegt es nicht, Kassandra zu spielen, deshalb breche ich hier ab.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Zitierte Literatur
Arndt, H.-J., Die Besiegten von 1945. Versuch einer Politologie für Deutsche samt Würdigung der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1978
Arndt, H.-J., Politische Lageanalyse, in: Nohlen, D. (Hrsg.), Pipers Wörterbuch zur Politik, Bd. 1: Politikwissenschaft, Theorien - Methoden - Begriffe (Hrsg.: Nohlen/Schultze), München 1984 (i. E.)
Bausinger, H., Identität, in: Ders./Jeggle, U./Korff, G./Scharff, M., Grundzüge der Volkskunde, Darmstadt 1978, S. 204 - 263
Fetscher, I., Die Suche nach der nationalen Identität, in: Habermas, J. (Hrsg.), 1979, S. 115 - 131
Habermas, J., Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden? In: Habermas/Henrich, D., Zwei Reden aus Anlaß der Verleihung des Hegel-Preises 1973 der Stadt Stuttgart an Jürgen Habermas am 19.. Januar 1974, Frankft./M. 1974
Ders. (Hrsg.), Stichworte zur ‚Geistigen Situation der Zeit’, Bd. 1: Nation und Republik, Frankft./M. 1979
Ders., Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung; Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankft./M. 1981
Henrich, D., ‚Identität’ - Begriffe, Probleme, Grenzen, in: Marquard, O./Stierle, K. (Hrsg.), 1979, S. 133 - 186
Marquard, O., Identität: Schwundtelos und Mini-Essenz - Bemerkungen zur Genealogie einer aktuellen Diskussion, in: Ders./Stierle,K. (Hrsg.), 1979, S. 347 - 369
Ders./Stierle, K. (,Hrsg.), Identität, München 1979 (Poetik und Hermeneutik, Bd. 8)
Schluchter, W., Gesellschaft und Kultur, Überlegungen zu einer Theorie institutioneller Differenzierung, in: Ders. (Hrsg.), Verhalten, Handeln und System, Frankft./M. 1980, S. 106-149
Sloterdijk, P., Kritik der zynischen Vernunft, 2 Bde., Frankft./M. 1983
Theunissen, M., Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat, Berlin 1970
Weidenfeld, W., Die Identität der Deutschen, Fragen, Positionen, Perspektiven, in: Ders. (Hrsg.), Die Identität der Deutschen, Bonn 1983, S. 13 - 49
Willms, B., Die Deutsche Nation, Köln-Lövenich 1982